Waschtag

 

Wenn er eines hasste, dann waren es zu lange Fingernägel. Aggressiv griff er zur Nagelschere. Kurz, rund und glatt mussten sie sein. Es war eine Frage der Ästhetik für ihn. Sorgfältig entsorgte er die abgeschnitten Nägel in der Toilette. Sie hatte schon wieder vergessen, die Spülung zu betätigen. Rot gefärbte Wattepads schwammen auf der milchig-rosigen Wasseroberfläche. Es roch noch leicht nach Aceton. Angewidert drückte er den Spülknopf.

 

Von unten schallte der Fernseher herauf. Wahrscheinlich schaute sie sich wieder eine Quizshow an. Sie wollte auf diese Weise ihre Allgemeinbildung verbessern. Einfach lachhaft. Aber so war sie nun mal.

Als er ins Wohnzimmer kam, saß sie wie immer auf der Ledercouch. Ihr fülliger Körper steckte in einem ge-blümten Polyester-Bademantel und ihre kleinen, ver-formten Füße steckten in hellblauen Plüschpantoffeln. Wie er diesen Anblick hasste. Und natürlich die frisch lackierten Fingernägel, mit denen sie vorsichtig nach den Kartoffelchips angelte.

Er ging wortlos in die Küche, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und dachte wie fast jeden Tag über sein Problem nach. Es musste dafür eine Lösung geben. Es gibt für alles eine Lösung. Er hörte, wie sie über den Flur schlurfte und die Tür zur Kellertreppe öffnete. Dort unten lagerten ihre Vorräte an Chips, Schokolade und Eis. Er stand auf und schaltete das Radio ein. Um diese Zeit gab es immer eine Stunde Jazz.

 

Plötzlich stand sie in der Küchentür und machte ihm Vorwürfe. Warum das obere Kellerlicht noch immer nicht brannte. Sie wäre beinahe gefallen, und das nur, weil er zu faul sei, die Glühbirne zu wechseln. Sie schnaubte verächtlich durch ihre großen Nasenlöcher. Wortlos drückte er sich an ihr vorbei und ging zur Kellertreppe. Sie war sehr steil, schmal und aus Beton gegossen. Mit einer normalen Leiter konnte er gar nicht die Deckenlampe erreichen. Er müsste sich im Baumarkt eine überlange Steigleiter ausleihen. Nur damit sie gefahrlos mit ihren Schlappen die Vorräte plündern konnte, um noch fetter zu werden.

Lange stand er untätig vor dem Kellereingang. Die Quizshow war bereits zu Ende. Er konnte am Knarren der Holztreppe hören, dass sie nach oben in ihr Zimmer gegangen war. Sie schliefen schon lange getrennt. Er konnte nur für eine ganz kurze Zeit gemeinsam mit ihr in einem Raum sein, sonst bekam er Atemnot. Wahrscheinlich psychisch, meinte der Hausarzt. Auf einmal war er hellwach und unruhig. Er ging in die Küche. Unter der Küchenspüle hatte er seinen Werkzeugkasten ordentlich verstaut. Hektisch suchte er nach einer Spule mit feinem Draht. So fein, fast transparent, aber reißfest. Er brauchte sie jedes Jahr für die Weihnachtsdekoration.

Er wusste, dass sie morgen ihren Waschtag hatte. Wie jeden Donnerstag. Noch vor dem Frühstück würde sie den Wäschekorb in den Keller tragen und die Wasch-maschine füllen. Ab und zu hatte er ihr dabei geholfen. Früher, wenn sie ihn nett darum gebeten hatte.

Es war schon nach Mitternacht, als er endlich fertig war. Es war nicht einfach gewesen, den genauen Abstand festzulegen und auszumessen. Schließlich war sie wesentlich kleiner als er. Und die Befestigung durfte keinerlei Spuren hinterlassen. Der alte Putz war schon spröde und brüchig und könnte abfallen. Es musste halten und doch im entscheidenden Moment nachgeben. Und das würde es! Eine glatte, unsichtbare und saubere Arbeit.

 

Die letzten Stunden der Nacht fand er keinen Schlaf. Er ging in Gedanken alle Möglichkeiten durch, die pas-sieren könnten. Mehrmals war er in Versuchung geraten, nach unten zu gehen. Irgendwann schlief er unruhig ein. Gegen sieben Uhr surrte ihr Wecker. Er war sofort hellwach. Schweißgebadet lag er angespannt in seinem Bett. Er hörte ihre hässlichen Pantoffeln auf den Steinfliesen klappern. Dann rauschte die Toilettenspülung durch die Rohrleitung. Stille.

Er sah auf die Uhr. Zehn Minuten nach sieben. Dann klackende, unsichere Schritte auf der Treppe. Langsam trug sie den Wäschekorb hinunter. Er hatte die Tür zum Keller gestern Abend extra offen gelassen und sogar das Licht im unteren Teil nicht ausgeschaltet. So musste sie den Korb nicht erst abstellen. Dafür würde sie ihn später zurechtweisen.

Er hielt es im Bett nicht länger aus. Er ging leise zur Tür und öffnete sie spaltbreit. Ein kurzer, gellender Schrei zerriss die Stille. Erschrocken und fast panisch setzte er sich auf sein Bett. Er wartete, dass sie ihn rief. Aber nichts. Auch kein Weinen, Stöhnen oder ein Hilferuf.

 

Er blickte auf die Uhr auf seinem Nachttisch. Zwanzig Minuten nach sieben. Um halb acht schlich er sich vor-sichtig die Treppe hinunter. Leise rief er ihren Namen. Keine Antwort. Ganz langsam ging er in Richtung Kel-lertreppe. Er sah nur einen schwachen Lichtschein. Wieder rief er ihren Namen. Nichts. Auch die Wasch-maschine lief nicht. Ihm wurde klar, dass es Mut braucht, um an den Ort der Tat zurückzugehen. Lieber wäre er ferngeblieben, aber er musste Klarheit haben.

 

Die Kellertür stand auf. Er bückte sich. Von dem dünnen Draht, den er zwischen zwei Nägeln über die oberste Stufe gespannt hatte, war nichts mehr zu sehen. Nur ein Splitter mit rotem Nagellack klebte an einem der Nägel. Und dann spürte er schon den Stoß im Rücken. Er nahm noch wahr, wie er die Treppe hinabstürzte, ehe er unten auf den Betonboden aufschlug.

 

Es gibt doch für jedes Problem eine Lösung, dachte seine Frau und ging zum Telefon.

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© Gigi Louisoder