Der Tod lächelt uns alle an

 

Ein Unglück kommt selten allein. Und so teilte mir mein Arzt lächelnd mit, dass ich für einige Wochen zur Beobachtung ins Krankenhaus muss. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Das Wort Vorsichtsmaßnahme betonte er sehr deutlich. Zu deutlich für mich. Es wäre nur zu meinem Besten. Nächste Woche wäre ein Bett frei, und bis dahin sollte ich mir Tabletten aus der Apotheke besorgen. Er schob mir mit einem aufmunternden Lächeln ein Rezept über den Tisch zu und entließ mich wortlos. Warum gibt es nur eine Gesundheit und unzählige Krankheiten? Warum hat unser Schöpfe darauf so viel Energie verwendet? Warum gibt es nur einen Weg geboren zu werden und so viele zu sterben?

 

Als ich dann vor der Apotheke stand, überlegte ich, was ich nun tun sollte. Ins Büro gehen, kam für mich an diesem Tag nicht mehr in Frage. Die Angst vor dem Klinikaufenthalt, vor schmerzhaften Untersuchungen, positiven Ergebnissen im medizinischen Sinn, vor mitleidigen Besuchen meiner Familie und das alles in einer kränkelnden Umgebung, raubten mir jegliche Energie. Ich beschloss, die Tabletten nicht zu kaufen und setzte mich stattdessen in ein kleines Straßencafé. Ich bestellte einen Cappuccino und ein Stück von der köstlichen frischen Zitronentorte. Mein Aufenthalt in der Klinik würde Unruhe in die Firma bringen, die Familie ängstigen.

 

Ich bestellte noch einen Cognac dazu. Der Alkohol rann schmerzhaft durch meine Speiseröhre. Pures Gift würde mein Arzt jetzt sagen.

 

Die Röntgenuntersuchung zog sich endlos hin. Mein Arzt wollte ein paar Aufnahmen mehr machen. Er nannte es „Sicher gehen“. Was heißt das? Keine Antwort. Nur ein kurzes „Machen Sie sich keine Sorgen“. Ich denke, Ärzte sagen das, damit man sich Sorgen macht und sie es leichter haben bei der Überbringung der Hiobsbotschaft. Ich kannte diesen Arzt nicht. Meinen Arzt. Wollte ihn auch nicht weiter kennen lernen. Aber jetzt lag mein Leben in seinen Händen.

 

Ist das so? Oder hat er nur die Aufgabe, die schlechten oder guten Nachrichten zu verkünden? Den Rest erledigt doch immer die Pharmaindustrie?

 

Seit meinem letzten Cappuccino und der köstlichen Torte sind vier Tage vergangen.

Jetzt liege ich hier in meinem Schlafanzug zwischen grün-weiß gestreifter Krankenhaus-Bettwäsche, allein in einem Zweibett-Zimmer, ein Holzkreuz hinter mir, ein rollender Nachttisch rechts neben und ein Fernseher vor mir.

 

Die erste Nacht dient der Eingewöhnung. Die Untersuchungen sollen im Laufe der nächsten Tage beginnen. Eine Tablette zum Einschlafen lehne ich höflich ab. Ich will nachdenken, mich in Selbstmitleid wälzen, über mein Leben resümieren und den Vollmond am Himmel anheulen. Die silberne Mondscheibe füllt das gesamte Fenster auf meiner Bettseite aus. Kalt, milchig und mit einem kleinen Schimmer Gold verdrängt sie das Schwarz der Nacht.

 

Ich möchte die Chance haben, allein über mein Leben zu entscheiden. Das ist das wertvollste Geschenk, das uns das Leben gegeben hat.

 

Ein erschöpfter Körper kann auch ein Glück sein. Man kann ihm von außen zusehen, wie er schwach wird, alt, sich gehen lässt. Das kann eine erstaunliche Erfahrung sein, Demut aufkommen lassen. Das Spüren der eigenen Sterblichkeit. Was für ein Genuss. Wenn man danach wieder aus dieser Angst, dieser Finsternis heraus treten kann. Den Absturz überlebt hat. Man merkt erst, wie sehr man an seinem Leben hängt, wenn man nahe daran war, es für immer zu verlieren.

 

Ich weigere mich zu sterben. Ich werde nicht aufgeben. Egal, was mein Arzt diagnostizieren wird. Was Besseres fällt mir in dieser mondhellen Nacht nicht ein. Manchmal fährt der falsche Zug am Ende eines Lebens zum richtigen Ort. Die Sehnsucht muss größer sein als die Angst vor diesem Weg. Die Angst vor der Frage: „Warum nur hast du dieses Leben gewählt? Es niemals hinterfragt? Nicht geändert? Deine Träume vergessen?“

 

Die vergehende Zeit ist wie eine Lokomotive. Der Rauch bleibt zurück und der Zug fährt weiter.

 

Musste ich krank werden, um die Angst vor diesen Fragen zu überwinden?

 

Ich habe eine Frau und zwei Kinder. Ich kenne keinen von ihnen. Und will sie auch nicht mehr kennen lernen. Unsere Freunde beklagen sich, dass sich ihre Kinder, seit sie aus dem Haus sind, nicht mehr bei ihnen melden. Warum habe ich nicht dieses Glück?

 

Irgendwann in dieser mondhellen Nacht muss ich eingeschlafen sein, denn als die Morgendämmerung durch das geschlossene Fenster blinzelt, liege ich starr und schweißgebadet in meinem Bett. Ich hatte einen Traum, so realistisch, so klar, wie noch nie in meinem Leben. Ich blicke mich suchend in dem kahlen Krankenzimmer um. Suche ihn. Bin sicher, dass er die letzten Stunden an meinem Bett gesessen hat. Aber ich bin allein. Ich schließe die Augen wieder, ignoriere den Schmerz in meinem Oberkörper und hoffe, noch einmal einzuschlafen. Weiter zu träumen. Ich habe noch so viele Fragen an ihn.

 

Ich weiß jetzt, dass der Tod – mein Tod – aussieht wie ich. Das macht ihn für mich sympathisch. Irgendwie vertraut. Er saß erst schweigend, mit einem Lächeln auf den Lippen, an meinem Bett und blickte mich mitleidig an.

 

War es nur ein Fiebertraum, eine Sinnestäuschung, ein Gaukelspiel meiner Seele, Blendwerk, eine Vision, ein Wunschtraum?

 

Vernebeln die starken Medikamente bereits meine Sinne?

 

Er ist jedenfalls da gewesen. Kein Zweifel. Er saß neben mir. Er gab mir Antworten auf viele meiner Fragen.

 

Ich weiß jetzt, dass jeder Mensch mit seinem eigenen Tod geboren wird. Mit ihm wächst, mit ihm lebt. Er begleitet und erträgt mich, beobachtet mein Leben aus der Distanz. Kommt Jahr für Jahr näher, bis er irgendwann hinter mir steht. Eins wird mit meinem Schatten. Du kannst natürlich versuchen, vor ihm zu fliehen, dich gesund ernähren, gläubig werden, dich für andere aufopfern, dein Vermögen spenden, alle Ärzte der Welt konsultieren – aber er wird sich niemals von dir überlisten lassen. Niemals aus deinem Schatten treten.

 

Die meisten Menschen wollen gesund sterben. Und vergessen dabei das Leben. Egal, was ich ihm auch entgegensetze oder Ärzte an mir ausprobieren und Hoffnung dabei machen, er wird keine Verzögerung zulassen. Den Zeitplan, meine Zeit zu sterben, unerbittlich einhalten. Ich habe verlernt zu leben. Ich habe vergessen, das Leben zu achten, zu genießen. Das Leben wurde zu selbstverständlich. Und jetzt fehlt meinem Leben die Zeit.

 

Es kommt der Moment, wo der Tod, mein Tod, das Spiel entscheiden wird und vier Asse auf den Tisch legt. Egal, wie viele Karten ich noch in der Hand habe.

 

Ich erinnere mich, dass ich ihn fragte, wie lange ich noch zu leben habe. Ob ich noch Gelegenheit habe, ein paar Dinge zu regeln. Einen Fehler wieder gutzumachen?

 

Er sagte nicht ja und nicht nein. Er nannte mir eine Zahl. Er sprach von drei Minuten. Die restlichen drei Minuten meines Daseins können Tage, Monate, aber auch Jahre sein. Es sei das Mirakel des Lebens, dem auch er ausgeliefert sei und nicht beantworten könne. Er sei ja nur mein Tod. Seine Aufgabe ist es mich zu holen. Mehr nicht.

 

Nichts und niemand kann mein Leben verlängern. Meinen Tod hinausschieben. Seine Aufgabe sei es, die Ordnung, den Lebenskreislauf einzuhalten. Ja, das war seine Antwort. Das Leben ist eine Viertelstunde Glück, der Rest sind Sorgen, Leiden und Zweifel.

 

Ich weinte im Halbschlaf. Flehte ihn an zu bleiben. Ich hatte noch so viele Fragen. Aber er war schon an der Tür. Drehte sich noch einmal um und sagte zu mir: „Eines Tages wirst du sterben und ich mit dir. Dann hat das Fragen ein Ende. Und du wirst vielleicht das Glück haben, die Antworten zu finden. Aber dein Tod wird für deine Familie nicht nur Kummer bedeuten, sondern auch eine Verpflichtung sein, den Teil deines Lebens zu vollenden, von dem du dich vorzeitig hast trennen müssen, der aber noch gelebt werden muss.“

 

Ich höre mich rufen: „Noch eine Antwort, bitte. Nur noch diese eine Antwort.“

 

„Es wäre gut, die Frage zu kennen?“, höre ich die Krankenschwester sagen, die leise in mein Zimmer kommt.

 

Sie lächelt mich beruhigend an.

 

Wir beide haben keine Antwort auf unsere Fragen.

 

Sie greift nach meinem Arm, flüstert ein paar unverständliche Worte und gibt mir eine leichte Betäubungsspritze für die anstehende Untersuchung.

 

Ich höre mich sagen: „Wenn Charly Chaplin und Albert Einstein den Tod nicht bezwingen konnten, welche Chancen habe ich dann bei diesem Arzt?“ Ich halte ihre Hand fest und blicke ihr fragend in die Augen.

 

Sie sieht mich etwas ratlos und überrascht an. Lässt meine Hand los und ich höre sie nur noch ganz leise wie hinter einem Nebelschleier sagen: „Wie immer es auch ausgeht, Sie sind in jedem Fall in bester Gesellschaft.“

 

Etwas nicht sehen oder einschätzen zu können bereitet Angst. Die Dunkelheit, die Unwissenheit, die verlorene Zeit, das Glück oder Unglück machen den Menschen Angst. Unterscheidet sie. Läßt Neid oder Mitleid entstehen.

 

Und der Tod? Er scheint doch nicht so mächtig und allwissend zu sein. Auch nichts besonderes, denn er kommt zu allen – es passiert mit jedermann. Und bisher hat sich noch niemand über ihn beklagt oder ihn gelobt. Nur gefürchtet. Ich fürchte meinen eigenen Schatten nicht. Bin froh, ihn zu haben. Dann, wenn die Zeit gekommen ist……..

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Gigi Louisoder